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Klirrender Frost in Russisch-Fernost

Bei uns in Deutschland scheint auch in diesem Jahr ein für Ende
November prinzipiell durchaus möglicher, frühwinterlicher
Kälteeinbruch nicht auf der Tagesordnung zu stehen. Vielmehr zeigt
sich derzeit ein "verspäteter Martinssommer", der bis einschließlich
Freitag meist zweistellige Tageshöchsttemperaturen hervorbringt,
wobei am morgigen Donnerstag am Oberrhein örtlich bis zu 19 °C
erreicht werden können. Ursache für diese "Temperaturanomalie" ist
der Sturmtiefkomplex REINHARD über Nordwesteuropa, an dessen
Vorderseite warme Meeresluft von der Iberischen Halbinsel nach
Mitteleuropa gelangt. Erst ab Samstag "normalisieren" sich die
Temperaturen wieder, dann werden bis zum Monatsende der Jahreszeit
entsprechende einstellige, aber noch meist positive Höchstwerte
erreicht.

Während sich also maritime Luftmassen, die mit Tiefausläufern nach
Zentraleuropa gelangen, im Sommer kühlend und im Winter mildernd,
daher insgesamt mäßigend auf unser Temperaturregime auswirken, treten
die Extremtemperaturen auf der Erde stets hochdruckbeeinflusst in
wetterberuhigten Arealen auf, wo der lokale Strahlungs- und
Energiehaushalt gegenüber den mit unterschiedlichen Luftmassen
herangeführten Einflüssen dominiert. Das trifft im Falle der
Tiefsttemperaturen des nordhemisphärischen Winterhalbjahrs neben
Nordamerika vor allem auf die Regionen hoch im Norden und/oder tief
im Inneren Asiens zu. So verwundert es niemanden, dass derzeit der
Ferne Osten Russlands die kälteste dauerhaft bewohnte Region der Erde
ist.

Besonders im Ostsibirischen Bergland fiel die Temperatur in den
vergangenen Nächten verbreitet deutlich unter -40 °C, dabei
"kristallisierte" sich das Hochland von Oimjakon einmal mehr als
"Kältepol aller bewohnten Gebiete der Erde" heraus. Spitzenreiter in
der Statistik der nächtlichen Tiefsttemperaturen bis Mittwoch früh
00:00 Uhr UTC (10:00 Uhr Ortszeit) war jedoch die Station Delyankir
(63°50'N, 145°36'E, 803 m Höhe) mit -48,8 °C, gefolgt vom
namensgebenden Dorf Oimjakon selbst (63°27'N, 142°47'E, 741 m Höhe)
mit -47,0 °C und der ebenfalls "benachbarten" Ortschaft Yurty
(63°58'N, 142°04'E, 1316 m Höhe) mit -46,7 °C.

Das ist an sich nichts Besonderes, beträgt doch die tiefste, jemals
im Monat November in Delankyr gemessene Temperatur -58 °C. Die
tiefste in zivilisierten Gebieten der Erde registrierte Temperatur
wurde am 6. Februar 1933 in Oimjakon mit -67,8 °C gemessen
(allerdings im Spätwinter nach monatelanger Auskühlung). Am dortigen
"Kältepol-Denkmal" sind sogar -71,2 °C aus dem Jahre 1926 vermerkt.
Dieser Wert sowie eine im Jahre 1916 gemessene Temperatur von -81,2
°C sind wegen messtechnischer Zweifel allerdings nie offiziell
anerkannt worden. Am 31. Dezember 1968 wurde dann in Oimjakon mit
1083,8 hPa auch der höchste, je auf der Erde gemessene Luftdruck
registriert.

Neben ihren geografischen Positionen - fast am Polarkreis und im
Winter mit wenig Sonnenschein, sowie weit genug entfernt vom Einfluss
der temperaturmildernden Westwinddrift - liegen diese Stationen in
Hochtälern, so dass außerdem die Möglichkeit zur Bildung von
Kaltluftseen besteht. Meteorologische Hauptursache für derartige
Extremwerte sind sogenannte Kältehochs in der arktischen Luftmasse,
die eine geringe vertikale Mächtigkeit besitzen und in der höheren
Atmosphäre von tiefem Luftdruck überlagert sind. Die dabei zur Ruhe
kommende Polarluft wird durch strahlungsbedingte Auskühlung der
bodennahen Luftschichten, insbesondere bei klarem Nachthimmel über
Schneeflächen, immer kälter und wirkt schließlich klimabildend.
Dauerhafte winterliche Kältehochs trifft man daher auch in der Arktis
und Antarktis.

Die Karte unten
(http://www.dwd.de/DE/wetter/thema_des_tages/2017/11/22.html) zeigt
den südlichen Teil von "Russisch-Fernost" und das Dreiländereck mit
der Mongolei und China; oben im Bild mit dem Oberlauf der Lena, unten
links mit dem Baikalsee sowie dem Ochotskischen Meer unten rechts.
Eingetragen sind die vom amerikanischen Vorhersagemodell GFS
analysierten Isobaren des Bodendruckfeldes in Hektopascal und
natürlich die nächtlichen Tiefsttemperaturen in ganzen Grad Celsius
vom 22.11.2017, 00:00 Uhr UTC (10:00 Uhr Ortszeit). Oben rechts im
Bild gruppieren sich im gelb umrandeten Oval die weltweit kältesten,
dauerhaft bewohnten Orte der vergangenen Nacht.


Dipl.-Met. Thomas Ruppert
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 22.11.2017

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